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TxT · № 10

An 362 Tagen im Jahr weiden im Sittertobel die Kühe, die Kunstgiesserei giesst Skulpturen, die KVA verbrennt Abfall und wärmt damit die St.Galler Stuben. An den restlichen drei Tagen rockt hier aber der Bär am OpenAir. Die marode Scheune, in der das Material für das Festival lagert, wurde letzten Sommer ersetzt.




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Dokumentation Hochbauamt, 2012 | N° 168
November 2012
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Ersatzneubau Scheune Billenbergweg

Was 1981 in kleinem Rahmen mit Polo Hofer und Bo Katzman begann, ist schnell zu einem internationalen Event gewachsen. Am letzten Wochenende im Juni drängen sich täglich 30 000 Menschen vor die Bühnen des Open-Air St.Gallen. Damit ist auch der Materialaufwand gestiegen; über viele Jahre lagerten die Leuchten und Bühnenelemente in einer alten Scheune am Billenbergweg. Während des Festivals steht das Gebäude mitten in den Zelten – unter dem Jahr liegt es einsam in der Talsenke.

Städtischer Dialekt

Der baufällige Holzschuppen wurde 2011 abgerissen und am selben Ort ein Neubau erstellt. Dieser reiht sich ein in die lange Kette von landwirtschaftlichen Bauten des Sittertobels. Aus den Anforderungen im Alltag haben die Bauern über die Jahrhunderte spezifische Detaillösungen ersonnen – langlebig und robust. Daraus entwickelte sich eine eigene Ästhetik und Formensprache. An diesen Nachbarn orientiert sich der Neubau: Volumen, Dach und Holzverkleidung passen sich den zahlreichen Nutzbauten im Tal an. Aus der abweichenden Funktion der Open-Air Scheune leitet sich aber auch eine eigene Sprache ab. Es entsteht ein regionaler Dialekt mit städtischem Einschlag. Konstruktion und Details sind weniger währschaft als bei den Vorbildern und erscheinen abgehobener, mithin gepflegter. Die Bretterschalung ist perfekt gefügt, die Aussteifung erfolgt mittels Platten statt der gewohnten diagonalen Verstrebung und die Knoten der Holzkonstruktion verweisen auf japanische Vorbilder. Das grosse Scheunentor läuft präzise wie die Schiebetüre eines Möbels.

Raffiniert rural

Auch im Inneren ist die Scheune nicht bloss ausgebaut, sondern gestaltet. Die Brüstung der Treppe schützt nicht nur vor einem Sturz, sondern trägt ihren Teil zur Stimmung im Raum bei. Wo in anderen Scheunen signalblaue Elektroleitungen quer durch den Raum wuseln und ihren eigenen Gesetzen folgen, verschwinden sie hier hinter der Ausfachung. Und so passt die Scheune zum OpenAir, wo es auf der Bühne durchaus auch richtig rocken darf, aber immer mit einem gestalterischen Mehrwert. Das Raffinement der Scheune bemerkt erst, wer genau hinschaut. Doch selbst angeheiterte Gäste des Festivals werden das ausgefräste Logo entdecken, das spielerisch die Belüftung ermöglicht und abends in die Ferne strahlt, wenn in der Nacht emsige Hände das Material für den nächsten Gig herrichten.


Marko Sauer am, 09 12 2012

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