<
TxT · № 13

Die Altstadt von St. Gallen zieht täglich Scharen von Touristen an. Diese steigen bei der Tonhalle am Brühl aus, machen einen Rundgang durch das historische Zentrum und fahren zur nächsten Sehenswürdigkeit. Auf dieser Route sehen die Gäste zwar die zahlreichen Attraktionen des Stiftsbezirks, sie fanden bislang jedoch kein Besucherzentrum, das sie darüber informiert hätte.




>
*
Dokumentation Hochbauamt, 2012 | N° 167
November 2012
Pdf

Besucherzentrum Stiftsbezirk

Da bot das Gallusjubiläum einen willkommenen Anlass, besser über das Erbe des Wandermönchs zu informieren. Denn der Legende nach hat Gallus den Grundstein für das Kloster gelegt und der Region so seinen Namen vermacht. Im Jahre 612 soll er den Urwald entlang der Steinach zum ersten Mal erkundet haben. Beim Wasserfall in der Mühleggschlucht stolperte der irische Mönch schliesslich und landete in einem Dornenbusch: Ein göttliches Zeichen. Als in der folgenden Nacht ein Bär auf sein Geheiss hin Holz ins Feuer legte, war für Gallus klar, dass er an seinem Bestimmungsort angelangt war. Und auch wenn er den ungebetenen Besucher gleich wieder wegschickte, so wird er doch selten ohne seinen zottigen Begleiter abgebildet.

Heute werden die Gäste in der Stadt nicht weggeschickt, sondern herzlich willkommen geheissen. Immerhin gehört der Stiftsbezirk zu den acht Stätten des UNESCO-Weltkulturerbes in der Schweiz. Genau vierzehn Jahrhunderte nach Ankunft des Mönchs informiert das neue Besucherzentrum darüber, was in der Zwischenzeit alles passiert ist. Für das Zentrum wurden Räume der Berufsschule an der Gallusstrasse 11 umgenutzt und neu ausgebaut. Die Besucherinnen und Besucher betreten das Informationszentrum über einen dreieckigen Vorgarten, der vor dem Umbau eine triste Restfläche zwischen den Häusern bildete. Das Besucherzentrum verbindet nun geschickt diesen kleinen Vorplatz auf der Strassenseite mit dem winzigen Hinterhof im Geviert. Durch die grosszügig verglaste Eingangsfront geht der Blick durch das Gebäude hindurch bis in den bisher verborgenen Innenhof.

Blendend weiss statt braun und tannig

Der innere Ausbau bildet einen Kontrast zur rauen Welt des Wandermönches. Einen Steinwurf von der engen, feuchten und felsigen Schlucht entfernt schimmern die Oberflächen des lichtdurchfluteten Raumes in allen Schattierungen von Weiss. Broschüren und Projektionen informieren über die Sehenswürdigkeiten, Souvenirs liegen auf Hochglanz polierten Möbeln. Fein geäderte, wollweisse Tapeten geben den Einbauten Halt. Die abgerundeten Kanten der Regale bringen deren Umrisse zum Fliessen und verwischen die Grenzen zwischen Raum und Möbel. Auch die hell glänzende Réception versetzt durch ihre geschwungenen Formen den Raum in Bewegung. Sie steht im Mittelpunkt des Besucherzentrums, dient gleichzeitig als Arbeitsplatz, Ausstellungsmöbel sowie Sitzgelegenheit und unterstützt damit dessen Wandlungsfähigkeit.

Je nach Bedarf trennt ein Vorhang das Infozentrum in unterschiedlich grosse Bereiche. So entsteht im Handumdrehen ein informeller Vortragsraum für Referate und Präsentationen, in dem auch Gäste aus aller Welt empfangen werden. Die Vorhangschiene verläuft ebenfalls auf geschwungenen Bahnen, wodurch spannende Räume zu den Möbeln und Wänden hin entstehen.

Auch auf dem Boden taucht die Farbe Weiss in Form von hellen Steinen immer wieder auf. Im Vorgarten leuchten einzelne handverlesene Steine aus dem dunklen Kies hervor und im Inneren bilden harzgebundene Marmorkrümel einen fugenlos gegossenen Bodenbelag. Im Innenhof berührt weiss gestrichenes Kopfsteinpflaster die Erde aus Bangor, der Geburtsstadt des Mönches. Ein Kubikmeter davon hat zur Einweihung den Ärmelkanal überquert und ist im Hof des Gebäudes gelandet. Mögen sich die Gelehrten auch weiterhin über die Herkunft des Mönches streiten; ein Flecken irischer Erde erinnert mit einem Augenzwinkern an dessen Heimat.


Marko Sauer am, 10 12 2012

*